|
Gehörlose Menschen stellen keine einheitliche Gruppe dar. Die Bandbreite reicht vom Akademiker bis hin zum geistig Behinderten. So unterschiedlich zeigen sich auch die kommunikative Kompetenz, Integration in Gesellschaft und Beruf, Formen der Lebensgestaltung und Identitätsfindung oder die Zugehörigkeit zu hörenden und gehörlosen Menschen.
Gehörlose leben in der Regel in zwei "Welten":
Der hörenden Welt (bes. Berufsleben), in der sie sich durch ihre eingeschränkte Hör- und Sprachkompetenz nicht selten ausgegrenzt fühlen. Je nach Hörfähigkeit, Stand der Sprachentwicklung und Sprechfertigkeit, sowie dem Verständnis der Hörenden, sind sie sehr unterschiedlich in der Lage, an der Kommunikation mit und unter Hörenden teilzunehmen.
Der gehörlosen Welt, in der sie ihre eigentliche Identität finden und sich in der eigenen Form der Kommunikation (Gebärdensprache) verständigen können.
Die Gebärdensprache ist in der Kommunikation mit Hörenden in der Regel nur über Gebärdendolmetscher einsetzbar.
Gehörlose können Lautsprache nicht über das Gehör oder den Einsatz technischer Hörhilfen aufnehmen. Die Höreindrücke sind sehr begrenzt. Deshalb können Gehörlose Sprache nicht auf natürlichem Wege erlernen. Sie sind zum Verstehen der Lautsprache auf visuelle Wahrnehmung angewiesen. Die eigene Lautsprache kann nur über eingeübte Bewegungsabläufe und Fremdhilfe kontrolliert werden.
Auch wenn die Unterscheidung von Gehörlosigkeit und Schwerhörigkeit fließend ist, sind/ waren Schwerhörige in der Lage, Lautsprache über das Gehör zu erlernen, zu gebrauchen und zu kontrollieren. Auch bei völligem Verlust des Hörvermögens sind diese Menschen in der Lage, sich "sprachlich" zu äußern (Lautsprache und Schreib-/ Lesekompetenz).
Neben dem Grad der Hörschädigung spielt der Zeitpunkt der Ertaubung eine wesentliche Rolle.
Es werden unterschieden:
Für "Frühertaubte" Gehörlose, bei denen die Schädigung von Geburt an besteht oder vor dem Spracherwerb eingetreten ist, ist eine natürliche Sprachentwicklung unmöglich und ein gezielter Sprachaufbau ist erforderlich.
"Spätertaubte" Gehörlose, die eine normale Sprachentwicklung teilweise oder ganz durchlaufen haben.
Gehörlose sind nicht einfach "Menschen ohne Gehör"; vielmehr wird die gesamte körperliche, geistige, seelische und soziale Entwicklung durch die Sinnesschädigung beeinflusst.
Grundsätzlich ist bei beiden Gruppen der Gehörlosen eine (frühe) Förderung der Gebärdensprache wichtig. Gebärdensprache ist das Kommunikationsmittel der Gehörlosen, sie erschließt Informationen, mit ihr kann in Kontakt und Austausch getreten werden, sie ist das Mittel zur Identitätsfindung.
Ist eine - nach Möglichkeit muttersprachliche - Gebärdengrundlage gelegt, ist es für den Gehörlosen wesentlich einfacher, die Regeln der Lautsprache zu verstehen und Schriftsprachkompetenz zu erwerben.
Gebärdensprache besitzt ein voll ausgereiftes Sprachsystem und ist eine eigenständige und gesetzlich anerkannte Sprache (allerdings ohne eigenständige Schrift).
Außenstehende sind oft nicht in der Lage, die eingeschränkte (schrift-) sprachliche Kompetenz Gehörloser entsprechend zu beurteilen oder angemessen darauf zu reagieren. Fälschlicherweise wird häufig angesichts der reduzierten (schrift-) sprachlichen Leistungen auf kognitive Defizite geschlossen (Das wäre so, als ob man einem Franzosen Dummheit unterstellt, wenn er der deutschen Sprache nicht mächtig ist).
Im Gegensatz zu anderen Sinnesbehinderungen ist Gehörlosigkeit eine äußerlich kaum auffallende Behinderung; sie wird erst in der Kommunikation mit Hörenden oder durch die Verwendung von Gebärden in der Kommunikation Gehörloser untereinander erkennbar.
("Blindheit trennt von den Dingen - Taubheit trennt von den Menschen.", H. Keller)
Zunehmend werden gehörlose Kinder bereits in den ersten Lebensjahren mit einem Cochlear implant (Cochlea = die Gehörschnecke des Innenohrs; Der Hörnerv wird durch eine operativ eingebrachte Elektrode direkt elektronisch gereizt) versorgt. In den meisten Fällen wird damit ein akustischer Zugriff auf die Umwelt eröffnet, der sich durch gezielte Übungen und intensives Training für den Spracherwerb nutzen lässt. "Hörvermögen" und Spracherwerb können so erworben werden, freilich um den Preis von Operationen im (Klein-) Kindalter und deren Risiken.
Einen hundertprozentigen Erfolg durch das Cochlear implant gibt es nicht. So ist es sinnvoll, bei dem Einsatz des Cochlear implant auf eine zweisprachige Erziehung (Laut- und Gebärdensprache) zu achten; die starre Haltung, nur hörgerichtet zu erziehen, scheint mittlerweile sich zunehmend aufzuweichen.
|